Großbeeren letzter Sonntag nach Epiphanias,

27.01.2019 | Celine van der Hoofd

Anlässlich des Gedenktages der Opfer des Nationalsozialismus!

Die Predigt

„Ein Heide fragte einmal Rabbi Josua ben Karechah: »Warum wählte Gott einen Dornbusch, um mit Mose aus ihm zu reden?« Der Rabbi antwortete: »Hätte er einen Johannisbrotbaum oder einen Maulbeerbaum gewählt, so würdest du ja die gleiche Frage gestellt haben. Doch es ist unmöglich, dich ohne eine Antwort fortgehen zu lassen. Daher sage ich dir, dass Gott den ärmlichsten kleinen Dornbusch gewählt hat, um dich zu belehren, dass es auf der Erde keinen Platz gibt, an dem Gott nicht anwesend ist. Noch nicht einmal in einem Dornbusch.“ Die Geschichte von Mose und dem brennenden Dornbusch, wer kennt sie nicht von uns und selbst unter den „Heiden“ – wie es unsere kleine Geschichte von eben zeigt – ist sie bekannt. Es ist eine schöne Geschichte, besonders auch für den Kindergottesdienst. Erlaubt sie doch eine wunderbare bildhafte Sprache und Darstellung. Wenn ich an meine eigene Kindheit und an die meiner Kinder zurückdenke, es gibt nichts was eine so unerreichbare Faszination ausübte wie Wasser, Sand und eben Feuer. Und wenn sie selbst es sagen müssten, welches Bild kam ihnen zuerst in den Sinn als sie von Mose und dem brennenden Dornbusch hörten? Bei mir waren es sofort die tanzenden Feuerflammen. Doch bevor wir uns intensiver mit unserem heutigen Bibeltext beschäftigen, hören wir ihn uns noch einmal an, wie er in der Bibel steht:

1 Mose aber weidete die Herde Jitros, seines Schwiegervaters, des Priesters von Midian. Und er trieb die Herde über die Wüste hinaus und kam an den Berg Gottes, den Horeb. 2 Da erschien ihm der Engel des HERRN in einer Feuerflamme mitten aus dem Dornbusch. Und er sah hin, und siehe, der Dornbusch brannte im Feuer, und der Dornbusch wurde nicht verzehrt. 3 Und Mose sagte sich: Ich will doch hinzutreten und diese große Erscheinung sehen, warum der Dornbusch nicht verbrennt. 4 Als aber der HERR sah, dass er herzutrat, um zu sehen, da rief ihm Gott mitten aus dem Dornbusch zu und sprach: Mose! Mose! Er antwortete: Hier bin ich. 5 Und er sprach: Tritt nicht näher heran! Zieh deine Sandalen von deinen Füßen, denn die Stätte, auf der du stehst, ist heiliger Boden! 6 Dann sprach er: Ich bin der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs. Da verhüllte Mose sein Gesicht, denn er fürchtete sich, Gott anzuschauen. 7 Der HERR aber sprach: Gesehen habe ich das Elend meines Volkes in Ägypten, und sein Geschrei wegen seiner Antreiber habe ich gehört; ja, ich kenne seine Schmerzen. 8 Und ich bin herabgekommen, um es aus der Gewalt der Ägypter zu retten und es aus diesem Land hinaufzuführen in ein gutes und geräumiges Land, in ein Land, das von Milch und Honig überfließt.

Gott sucht:

Mose, der jüdische Junge, von seiner Mutter in Ihrer Verzweiflung in einem Schilfkörbchen ausgesetzt, aufgezogen im Palast des Pharaos, muss fliehen, weil er einen Menschen getötet hat. Weit ab von der Welt könnte man sagen, findet er eine neue Heimat. An einem Ort, wo nur wenig Menschen hinkommen. Einem Ort, der mehr Wüste als fruchtbares Land ist. Wo Wasser wertvoller ist als Gold und Silber und wo keiner ihn suchen wird. Er kann sich eine neue Existenz aufbauen. Heiratet, gründet eine Familie. Hier kann ihn keiner finden. Und sicherlich wird auch so langsam bei Mose die Vergangenheit in Vergessenheit geraten sein. Man geht davon aus, dass Mose zu dieser Zeit ungefähr 60 Jahre alt war und das Zenit seines Lebensalters schon überschritten hatte. Und doch, – keiner sucht ihn? – Gott sucht ihn! – Und Gott findet ihn. Selbst als er die Wüste durchquert hat und am hintersten Ende der Erde ist, findet Gott ihn. Schon am Anfang dieser Geschichte wird etwas ganz wunderbares deutlich. Zum einen: Der Mensch kann fliehen und sich verstecken wo er will, er kann im Nirgendwo verschwinden wie es mit den Opfern des Nationalsozialismus geschah, Gott kann und will ihn finden. Und das zweite, keine Suche ist Gott zu mühsam, kein Weg zu weit – um es mal mit menschlichen Worten auszudrücken – Gott geht auch dem „Mindesten“ unter seinen Menschen nach. Ich habe gerade die Opfer des Nationalsozialismus angesprochen, und es ist nur logisch, dass sofort die Frage nach dem Warum aufkommt. Wenn Gott jedem seiner geliebten Menschen nachgeht, warum dann nicht diesen gequälten Menschen. Die Frage ist berechtigt und ich möchte sie stehen lassen. Zum einen, weil wir Menschen darauf keine Antwort finden werden und können, zum anderen aber auch, weil unser Text von heute noch weiter geht.

Gott ruft

Mose hat die Zeit in der Wüste gebraucht. Es war seine Lebensschule, um es mal so zu sagen. Die Durststrecke, die auch wir immer wieder erleben, die uns an uns und unserer Umwelt verzweifeln lässt, aber uns am Ende auch – wenn es gut ist – wieder ein Stück weiser und empfänglicher macht für das, was wirklich wichtig ist. Wenn ich hier von Lebensschule spreche, dann meine ich nicht die Zeit der Qual, wie sie bei Krankheit, Verfolgung und Gefangenschaft entstehen kann. Ich rede hier in erster Linie von einer Zeit des Innehaltens. Einer Zeit, wo wir spüren, dass wir an einem Scheideweg angekommen sind. Einer Zeit, wo wir uns überlegen müssen, was wir wirklich wollen, wie es weitergeht. Einer Zeit vielleicht auch des sich Zurückziehens und des sich Besinnens. Einer Zeit der Ruhe. Die Auslöser für diese Zeit können unterschiedlicher Art sein. Bei Mose war es die Flucht, er der Reiche, der nur Helfen wollte war zum Mörder geworden und muss alles das, was war, was wichtig für ihn war hinter sich lassen. Mose muss sich ganz neu finden, denn alles das was ihn ausgemacht hat ist nicht mehr. Alles das worauf er sein Leben aufgebaut hat, hat er verloren. All das, was sein Denken und Handeln geprägt hat ist nutzlos. In der Wüste, in der Einöde, wo nichts an den früheren Mose erinnert, dort findet er die Ruhe und den Ort, um sich dieser neuen Situation zu stellen. Dort begegnet er sich selbst. Das ist bei uns Menschen in der heutigen Zeit nicht anders. In der Hektik des Alltags, in einer Zeit wo so viele Informationen und Bilder auf uns einstürmen, wo die Anforderungen von Arbeit und Familie durch den Druck der Masse, den allgemeinen Erwartungen was „Man“ tut immer größer werden, wo man nur noch gelebt wird als selber zu leben, in dieser Hektik kommt irgendwann der Zeitpunkt wo es nicht mehr weitergeht. Man/ich bin gezwungen innezuhalten. Und so manch einer zieht sich zurück von Welt und Umwelt, sucht Räume der Ruhe und Stille. Diese Zeiten sind wichtig, sind lebenswichtig, damit ich wieder lerne und spüre, dass ich Mensch bin und nicht eine Maschine. „Ich bin kein Roboter“ heißt es oft im Internet, wenn man etwas bestellt. Und dieser Satz birgt mehr Wahrheit, als es im ersten Moment scheint. Nein, ich bin Mensch und deswegen brauche ich manchmal auch eine Wüste. Dort kann und werde ich mir vielleicht auch selbst begegnen. Und nicht immer ist das ein schöner Moment. Ich sprach schon davon: es kann eine Durststrecke sein, eine Zeit der Selbstzweifel, eine Zeit der Unsicherheit. Aber es ist ein Weg. Ein Weg wie ihn Mose durch die Wüste gehen musste. Am Ende seiner Wüstenwanderung kommt Mose an den Berg Horeb. Er lässt die Wüste hinter sich und kommt dort hin, wo er Weide für seine Herde findet. Es ist dieser Ort und dieser Moment, wo Gott ihn ruft und jetzt ist Mose auch in der Lage zu zuhören. Und noch eine Besonderheit: Gott ruft Mose mit Namen, er ist es mit dem er sprechen will, er, Mose der Mörder und kein anderer. Die Zeit der Wüste wird ein Ende haben. Bei uns auch, spätestens dann, wenn ich nicht mehr wie ein mechanisch funktionierendes Lebewesen durch meine Erdenzeit hetze. Sie wird dann ein Ende haben, wenn ich wieder die Ruhe gefunden habe zu hören, wenn Gott mich ganz persönlich mit meinem Namen ruft. Diese Durststrecke wird dann ein Ende haben, wenn ich wieder in der Lage bin zu antworten. Nicht mit einem einfachen Ja, sondern wie Mose mit den Worten „hier bin ICH“. Dann bin ich auf offen dafür, dass eventuell ein neuer Weg anbricht. Vorsicht, ich möchte es noch einmal deutlich sagen, Ende einer Durststrecke, der Beginn von etwas Neuem heißt definitiv nicht, dass das Leben leichter wird. Nein, das Leben ist immer eine Herausforderung, solange wir hier auf Erden sind. Egal ob Säugling oder Rentner im hohen Alter, das Leben ist und bleibt eine Herausforderung!

Gott sendet

Diesen Teil der Geschichte finde ich eigentlich am schwierigsten zu vermitteln. Immer dann, wenn im Alten Testament von Gott die Rede ist und zwar von Situationen wo er mit den Menschen in Kontakt tritt möchte er etwas: entweder, dass sie ihm Rede und Antwort stehen (Adam wo bist du?) oder er hat einen Auftrag wie z. Bsp. in der Jonageschichte. Dabei sehnen wir uns doch in erster Linie nach Liebe, Geborgenheit, nach „Streicheleinheiten“ und nicht schon wieder nach irgendeiner Action. Doch wenn man genauer hinschaut ist Gottes Sendungsauftrag nicht eine Art Beschäftigungstherapie als reiner Selbstzweck. Wenn Gott aktiv wird, wenn er sendet, dann will er retten. Und zwar nicht sein Eigentum, sondern seine Schöpfung, seine Menschen. Retten, damit sie endlich in eine Beziehung zu Ihm ihren Schöpfer treten können. Die Sendungsaufträge sind ganz unterschiedlicher Art, und sie sind nie größer als der, der sie ausführen soll. Das heißt nicht, dass sie leicht sind. Mose bekommt später den Auftrag, das Volk Israel aus dem Land der Ägypter zu führen. Und er ist so manches Mal an den Forderungen und dem Verhalten von Gottes Volk verzweifelt. Doch im Gegensatz zu früher, als er noch im Palast des Pharaos wohnte, ist er sich nun bewusst, dass nicht er derjenige ist der alles kann und muss, der auf sich alleine gestellt ist. Sondern dass er in Gott einen verlässlichen Partner hat, jemanden, der ihn nicht im Stich lässt und ihn mit allem Notwendigen für seinen Auftrag ausstattet. Gott braucht nicht den großen vor Selbstsicherheit strahlenden Manager, er braucht Menschen, die sich ihrer eigenen Schwachheit und ihre eigenen Grenzen bewusst sind. Er braucht Menschen, die sich ihm zuwenden und ehrlich zugeben „ich kann das nicht“, ungeachtet ob Professor oder Landarbeiter. Er sucht Menschen, die sich ihm zuwenden und bereit sind sich von ihm helfen zu lassen und die dann den Mut haben das Leben anzugehen und zu leben.

Gott rettet

Heute ist auch ein Gedenktag, wir gedenken der Opfer des Nationalsozialismus. Gerade an so einem Tag ist es schwierig zu vermitteln, dass Gott Menschen in Not retten kann und will. Wo war Gott, bei den grausamen Transporten? Wo war Gott bei den Hinrichtungen und Massenmorden? Wo war Gott, wenn KZ-Häftlinge sich als Arbeiter für Firmen und so weiter zu Tode schuften mussten? Ich weiß keine Antwort und ich möchte auch nicht versuchen das zu erklären, denn mit menschlichen Worten lässt sich dieses Elend nicht erklären und nicht entschuldigen. Aber glauben Sie mir, ich werde nicht aufhören diese Frage zu stellen. Denn wenn ich aufhöre diese Frage zu stellen, dann höre ich auch auf, das Leid und Elend wahrzunehmen. Dann höre ich auch auf mich zumindest mit meiner Stimme mich gegen diese Ungerechtigkeiten zu stellen. Doch auch hier zeigt uns der Bibeltext von heute, dass das Schicksal seiner Kinder Gott nicht egal war und Gott nicht egal ist. In Vers 7 steht: Der HERR aber sprach: Gesehen habe ich das Elend meines Volkes in Ägypten, und sein Geschrei wegen seiner Antreiber habe ich gehört; ja, ich kenne seine Schmerzen. Gott war nicht blind für das Elend für die Schmerzen für die Not. Und Gott ist es auch heute nicht! Auch wenn wir keine Antworten finden, wir können auf jeden Fall darauf vertrauen, dass es Gott nicht egal ist was passiert und dass er mitleidet, mitempfindet und und und. Und ganz gewiss ist er nicht nur stiller Betrachter! Damals war es Mose, der gesagt hat „hier bin ich“ und auch heute wird Gott nicht aufhören Menschen zu suchen und zu rufen, die dem Leid und dem Elend etwas entgegensetzen. Als allererstes seine Liebe, Gottes Liebe! Ich glaube an die Sonne, selbst wenn sie nicht scheint, Ich glaube an die Liebe, selbst wenn ich sie nicht fühle, Ich glaube an Gott, selbst wenn er schweigt. (eingeritzt in die Mauern von Ausschwitz von einem jüdischen KZ-Häftling)
Wenn es ein Mensch in einer solchen Situation schafft, so etwas zu schreiben, warum ist es dann für uns so schwierig? Wir werden von Gott geliebt, gesucht, gerufen und gesendet. • Lassen Sie uns diesen Tag und diese Botschaft Gottes zu Herzen nehmen. • Lassen sie uns Lieben, auch wenn die Situation ausweglos erscheint. • Lassen Sie uns den Menschen zeigen, dass Gottes Liebe es ist, die den Waffen und dem Kriegslärm unserer Zeit etwas entgegenzusetzten hat. • Lassen Sie uns der Welt zeigen, dass Gottes Ruf auch heute noch erklingt und auch heute noch etwas bewegen kann an Orten wo Mensch, Natur und Tiere zu leiden haben. • Und lassen sie uns unsere Umgebung spüren, dass selbst wir, die wir uns so schwach und unfähig fühlen, noch etwas bewegen können. Im Kleinen fängt die Veränderung an nicht im Großen. Im Lächeln erreiche ich meinen Mitmenschen, nicht mit verschlossenen Türen. Im Gebet trage ich die Verantwortlichen dieser Welt in Gottes Sinne, nicht mit Wuttiraden. Lasst uns Gott zeigen, dass wir bereit sind für sein Kommen

Abschlussbild Prediktmanusscript 27012019 Celine van der Hoofd


Amen!

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