Das makabre Make-Up der MISS EUROPA

Abschrift der 1952 verfassten Publikation

Das makabre Make-Up der MISS Europa

Herrr Icks, ein Reisender in Parfümeriewaren, bleibt eines Tages in einer kleinen westdeutschen Kleinstadt hängen, diese Kreisstadt ist wie jede beliebige.
Es zeichnet sie zunächst nichts anders aus, als dass man hier mir Vorbereitungen zu einem Museum beschäftigt ist, von dessen neuartigem Charakter sich das Fremdenverkehrsbüro eine belebende Wirkung auf den Tourismus verspricht.
Das Museum zeigt keine naturkundlichen oder lokalhistorischen Reliquien der üblichen Art, sondern – Menschen!

Keine Wachsfiguren, sondern wirklich lebende Menschen in typischen Situationen der Zeit.

Da sieht man, in abgeteilten gläsernen Zellen, etwa eine Näherin in rasend eintöniger Akkordarbeit für eine Konfektionsfabrik; einen abgestumpften Flüchtling, der, hoffnungslos auf einem Stuhl sitzend, den Typus des Wartenden verkörpert, jenes BAAwartenden, der in Millionen Exemplaren die Wartezimmer der Ämter, Organisationen und Institute des modernen Massendaseins bevölkert; den Menschen in der Untergrundbahn, zusammengepfercht, grau, erschöpft, von Reklameflächen umflimmert, und ähnliche typische Existenzen mehr.

Der harmlos banausische Herr Icks lässt sich vom Leiter des Verkehrsamtes bereden, Angestellter des Verkehrsamtes zu werden.
Aber bald stellte sich heraus, daß er sich durch die Unterschrift in die Gewalt eines geheimnisvollen Unternehmens, des IFE, begeben hat, das neben dem Menschenmusuem, dem „Hominiden Garten“, noch andere gesellschaftswissenschaftliche Einrichtungen unterhält, zum Beispiel die „Statistische Akademie“, eine Art überdimensionalem Gallup-Intituts, das auf Grund statistischer Erhebungen den realen Seinsgehalt des „homo -europaesu“ unserer Zeit festzustellen sucht.

Die Maschen des Instituts ziehen sich immer enger um das Gebiet der Kreisstadt zusammen, Fragebogen werden an alle Einwohner ausgegeben, die scheinbar bis in die intimsten Winkel der individuellen Existenz hineinleuchten und dennoch nur Auskünfte zutage fördern, die das monoton typisierte Gesicht der modernen Gesellschaft enthüllen.

Ein unentrinnbares System von Kontrollen, Analysen, undurchsichtigen Dienstbefehlen, geheimnisvollen Klassifizierungen, Leistung- und Kalorienexperimenten hält die Bevölkerung in unheimlicher Spannung.

Zug um Zug offenbart das IFE, dessen naiv optimistisches, wenn auch gelegentlich von  treuherzigen Zweifeln erfaßtes Werkzeug der ehemalige Parfümeriereisende Icks ist, seinen Charakter als mächtige ausländische Studiengesellschaft, die sich der Gunst und Unterstützung nicht nur der Besatzungsmacht, sondern auch höchster deutscher Regierungsbehörden erfreut.

Das Gebiet der Kreisstadt wird vom übrigen Landesgebiet isoliert; man verhängt eine Art Quarantäne, in deren Vollzug das IFE schließlich die alleinige Exekutivgewalt ausübt.
Das Experiment nimmt immer groteskere Formen an; die Einwohner flüchten sich in typische Transaktionen, um der Angst vor dem Unbekannten Herr zu werden; schließlich verenden sie ahnungslos-grauenserstarrt in der apokalyptischen Szenerie eines als Film-Festival getarneten Atombomben-Experimens, das vom IFE (endlich als „Internationaler Film Export“ alias „Institut für Europa“) im Auftrag einer überseeischen Macht durchgeführt wird.

Das Ganze ist nicht etwa ein makaberer Scherz, frei nach Kafka, sondern das Thema eins erstaunlichen satirischen Romans von Hermann Kasack* Schon in seiner Stadt hinter dem Strom hatte es Kasack verstanden, das Gespenstische, Unwirkliche, das Seinsentleerte und nur noch Pantomimische der untergehenden abendländischen Kultur in einer düsteren Vision der Unterwelt sichtbar zu machen.

Das neue Buch Kasacks spielt aber nicht mehr im Totenreich, sondern in der Wirklichkeit der westdeutschen Bundesrepublik.

Wenn trotzdem die Anklänge des einen an das andere so zahlreich und frappant sind, dann zeugt das wohl nicht nur ausschließlich für die unveränderte, auf das Nekrophilie gerichtete Optik des Autors, sondern wohl ebensosehr für eine unverkennbare Ähnlichkeit der Situation; denn auch die Existenz der politischen Konstruktion, die nach dem Krieg in Westdeutschland errichtet wurde, hat etwas Makabres an sich, wie sie sich weil sie sich vorwiegend aus dem Geist einer fragwürdigen Vergangenheit, aus Schatten einer allzu billigen und fratzenhaften durchsichtigen Restauration nährt, die schon jetzt weider von den Dunkelmännern der faschistischen Morgenluft umwittert wird.

In dieser Sicht gesehen, steht Kasacks Buch, wenn auch vom Autor wahrscheinlich ungewollt, im Dienst einer unaufhaltsamen Dialektik, politisch-gesellshcaftlicher Seinsenthüllung; es spiegelt, rundheraus gesagt, das tiefe Unbehagen des westdeutschen Untertanen mit der Unwahrhaftigkeit der politischen Situation wieder, in die er sich gestellt sieht.

Aus diesem Grunde wirkt das Buch von Kasack wie ein Fanal.
Es ist, von der Warte des parodierenden Satirikers aus, eine symbolhaft verkleidete Abrechnung mit jener angelsächsischen Weltstrategie,  die den kleinen europäischen Brückenkopf, dieses immer noch so unwahrscheinlich vielgestaltete Troja übereinandergeschichteter Kulturen und Epochen, gerade noch als eine nützliche Figur im imperialistischen Schachspiel betrachtet.

Die Metapher des Schachspiels wird deutlich genug in einem Kapitel des Buches gezeigt, wo Icks, der ahnungslos-bornierte Handlusngreisende, Prototyp des unsterblichen deutschen Schildbürgers, jenes Typs, der sich am anfälligsten für die lemurischen Lockungen der faschistischen Hydra gezeigt hat, zu einer der drei Direktorinnen des IFE gerufen wird.

Dieses Mitglied des in der „statistischen Akademie“ mystisch-sakral regierenden Triumvirginats entpuppt sich dem erstaunten teutschen Michel erstaunlicherweise als eine moderne junge Dame in Sonnenbrille und „make-up“. Ihre sonderbare Liebeserklärung, der Icks mit gesundem Instinkt ausweicht, kleidet sie in die metaphorische Sprache eines Traumes, in welchem Icks als possierliche Ritter-Schachtfigur eine durchaus unmissverständliche Rolle spielt.

Auch sonst ist das Buch gespickt mit anzüglichen Spitzen gegen den nivellierenden Einfluss der angelsächsischen Zivilisationsbürokratrie.

Das ist umso bedeutsamer, als der Verfasser als durchaus unverdächtiger Feind aller östlichen Ideologien und neutralistischen Tendenzen gilt.

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An dieser Stelle unterbrechen wir den Vortrag und geben dem Leser die Möglichkeit eigene GeDanken und Parallelen zur Jetztzeit zu entwickeln und natürlich auch zu formulieren.
Natürlich hat Heinrich Schirmbeck hier noch weiteres Gedankengut als kritische Betrachtung eingebracht, das wir Ihnen in der Fortsetzung des Artikels gerne noch vortragen möchten.

Unser Dank an dieser Stelle gilt Helga Willuweit-Schirmbeck, der Witwe des Menschen und vielfach brillirenden Autoren, die sich für das Werk und deren Erhaltung und Verbreitung in fast unmenschlicher Aufopferung eingesetzt hat und dies noch heute tut.

Ebenfalls gilt unser Dank Gerald Funk der durch seine herausragenden Publikationen zu und über Heinrich Schirmbeck, den Literaten Heinrich Schirmbeck in der Facettenreichen Art als eben den aussergewöhnlichen Schriftsteller dargestellt hat.

So auch in diesem Werk!

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Unsere Anmerkung zu Heinrich Schirmbeck

Dieser Beitrag, eine wichtige Betrachtung Heinrich Schirmbeck`s als Universialisten und Mitbegründer der Partei „die Grünen“ Deutschlands an der aufgezeigt werden kann wie wichtig die im Jahr 2015 zum 100. Geburtstag des Menschen Heinrich Schirmbeck manifestierte Entscheidung war und heute noch ist, den Autoren als eben diesen Universialisten den Menschen näher zu bringen, als den wir die Verwalter seines geistigen Erbes ihn sehen.
Es genügt nicht ihn als Literaten in die gepolsterte Ecke des literarischen Publikums zu setzen und dort verkümmern zu lassen.

Heinrich Schirmbecks Zeitgeist und frühe Wahrnehmung mit dem kritischen Finger des Essayisten und – wie schon oftmals und gerne geäußerten Habitus des Universialisten – hat hier durch seine Aufrechte Haltung schon sehr früh und nachhaltig bewiesen dass sein Denken und Handeln anders war und heute noch ist, als derer die ihn bisher nicht gerne wahrgenommen haben.

Gerade heute, in der vorbereitenden Phase der Errichtung der Heinrich Schirmbeck freien- und friedensUniversität im Rahmen der Gründung der Heinrich Schirmbeck Institute eG (iG) als Genossenschaft, lässt sich der globale politische und sozialreformende Charakter des Autors nicht mehr in die bequeme Ecke des nur Literaten verDrängen.
Hans-Jürgen Bell Schirmbeck Stiftung im März 2020

* Hermann Kasack: das Große Netz. Frankfurt am Main 1952

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