Heinrich Schirmbeck „Der Autor und sein Eigentum“

Wenn wir schon von Büchern reden, dann sollten wir das tiefste und trotz aller Kommentare immer noch unausgeschöpfteste Buch dieser Welt nicht vergessen: „Die Bibel“. Ihr Schöpfungsbericht, die abgründigste und zugleich, realistischste Wahrheit über die Verfassung des Menschen. Der Sündenfall gab ihm die Freiheit, die Freiheit der Erkenntnis, die Freiheit, s e l b e r ein Schöpfer auf der ihm gemäßen Ebene zu werden, gewissermaßen ein Gott auf irdisch-planetarischer Ebene.

Und wie dem Schöpfer seine Schöpfung, nämlich der Mensch, durch Sündenfall und Freiheit gewissermaßen entglitt, so entglitt dem Menschen s e i n e Schöpfung, nämlich die Gesellschafts-, die Staaten-, Institutionen und Apparatewelt, die sogenannte „zweite Schöpfung“, die Georg Haverbeck sie genannt hat. Wie Gott des Menschen nicht mehr Herr zu werden scheint, es sei denn durch Vernichtung (zwei Ereignisse, von denen die Bibel berichtet: Sintflut und Babylonischer Turm könnten als göttliche Versuche in dieser Richtung interpretiert werden), so wird der Mensch s e i n e r Schöpfung nicht mehr Herr; sie entwickelt eine Eigengesetzlichkeit, die ihn zu vernichten droht. Karl Marx nannte das etwas euphemistisch noch die „Entfremdung“. In diesem Schema der beiden Schöpfungen, wie es die Bibel vermittelt, sehe ich die radikalste anthropologische Wahrheit, die bisher von keiner wissenschaftlichen Anthropologie übertroffen wurde. Angesicht der Drohung der Selbstvernichtung ist der Mensch auf Gedeih und Verderb aufgerufen, Formen und Ethiken des Umgangs mit sich selber und der ihn tragenden und erhaltenden Erde im innerstaatlichen und internationalen Bereich zu entwickeln, die in vielen Aspekten eine grundlegende Änderung der ethisch-politischen Verhaltensformen der bisherigen Geschichte vollziehen. Die Zeit, die ihm dazu verbleibt, ist kurz. Wir, auch Sie und ich, müssen sie nutzen, indem wir den uns verfügbaren Sektor der Literatur zu einem Modell- und Experimentierfeld der neuen Verhaltensformen machen. Literatur ist ja auch immer Verhaltenswissenschaft gewesen, das heben große Psychologen wie Freud oder Ethologen wie Lorenz freimütig zugegeben. Das Rätsel des Menschen lüftet sich bei Dostojewski doch um einen gewaltigen Spaltbreit mehr als in den fundiertesten psycho-experimentellen Analysen der modernen Verhaltensforscher. Literatur muss Friedens- und Verhaltenspädagogik werden. Ihre Modelle sind nicht wissenschaftlich- neutral und deshalb letzten Endes unwirksam sondern offenbarend, erschreckend, schlafaufrüttelnd, deutend und erlösend. Betrachten wir Literatur als eine Leiter deren Sprossen wir bis zur letzten erklimmen, um sie dann hinter uns loszulassen, weil wir ihrer nicht mehr bedürftig sind, wenn wir die Schwelle einer friedlichen, gerechten, erderhaltenden, von Herrschaft und Ausbeutung freien Welt erreicht haben. Dann ändert sich mit automatischer Logik auch die Rolle der Literatur und des Wortes. Der neue Logos wird nicht dramatisch sondern pneumatisch sein! In ihm lösen sich die psychischen Rivalitäten zur Harmonie des Weltmysterium

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