Heinrich Schirmbeck Interview von Artur Rümmler

Interview von Artur Rümmler mit Heinrich Schirmbeck

Publiziert von Helga Schirmbeck!
SChirmbeck-der Literat
A.R.: Sie haben bereits 1966 bevor es in der BRD eine ökologische Bewegung gab, in ihrem Essayband „Ihr werdet sein wie Götter“ ökologische Fragestellungen behandelt und vor der Umweltzerstörung gewarnt. Welche Rolle spielt die Ökologie in Ihren Veröffentlichungen?

H.Sch.: Der von Ihnen erwähnte Essayband erschien 1966, aber ich muss dazu sagen, dass in ihm Arbeiten und Studien enthalten sind, die ich schon viele Jahre vorher veröffentlicht hatte, d.h. dass ich mich bereits in den fünfziger Jahren mit ökologischen Themen beschäftigt habe. Zum Teil während meiner Zeit als Redakteur ei der Schwäbischen Zeitung“, zum Teil auch als Mitarbeiter bei Zeitschriften. Also lange, bevor die ökologische Frage in Deutschland und in den Industrienationen durch den berühmten Bericht des Club of Rome, „Die Grenzen des Wachstums“, dann relevant und akut wurde. Habe ich die ökologischen fragen in mein literarisches Werk einbezogen, insbesondere in mein wissenschaftliches Werk und nicht so sehr in mein dichterisches Werk. Aber auch mein Roman von 1957, „Ärgert dich dein rechtes Auge“, der ja die fiktive Biographie eines Atomwissenschaftlers darstellt, enthält schon diese ökologischen fragen in Verbindung mit der sogenannten friedlichen Nutzung der Kernenergie und ist überhaupt in der Weltliteratur der erste und nach meinem Dafürhalten bisher auch der einzige Roman geblieben, der die Frage der militärischen und friedlichen Nutzung der Atomenergie und ihrer Folgen für den Weltfrieden und für die Welt-Ökologie behandelt hat.
Die Ökologie spielte in meinem dichterischen Werk insofern seit den Anfängen eine besondere Rolle, als mich das Verhältnis des Menschen zu seiner Umwelt, zur Erde, des Menschen als eines Geschöpfes dieser Erde immer besonders interessiert hat und ich mich manchmal sogar im meinen frühen Novellen, die in den vierziger Jahren erschienen sind, auf die romantische Naturphilosophie der Deutschen zu Anfang des 19. Jahrhunderts bezogen habe.

A.R.: Sie haben 1970 einen Essay veröffentlicht mit dem Titel „Die moderne Literatur und die Erziehung zum Frieden“. Was kann Ihre Literatur, was kann heute die Literatur überhaupt zum Frieden beitragen?
H.Sch.: Vielleicht darf ich im Zusammenhang mit Ihrer Frage noch erwähnen, dass dieser 1970 im Verlag der Wissenschaften und der Literatur veröffentlichte Essay nicht die einzige Arbeit geblieben ist, die ich zum Thema Frieden geschrieben habe. In den letzten Jahren habe ich mich besonders in der Friedenspolitik der alternativen Gruppen und der Grünen engagiert und bin da ebenfalls durch einige Studien und Essays hervorgetreten. Meine Studie über die Logik der atomaren Abschreckung unter dem Gesichtswinkel des sogenannten Nachrüstungsbeschlusses ist in der Hamburger Zeitschrift „Neue Politik“ in zwei Fortsetzungen veröffentlicht worden und hat einige Diskussionen auch in Regierungskreisen hervorgerufen. Dann habe ich einen Appell herausgegeben „Atomares Vetorecht für die Deutschen“, der von der Bürgerinitiative „Frieden und Neutralität“ in Oberhausen den Bundestagsabgeordneten zugestellt worden ist.
Aber meine Beiträge zur Friedensproblematik betreffen nicht nur die Friedenspolitik, sondern auch die Ökologie. Ich sehe Frieden und Ökologie in einem untrennbaren Zusammenhang und habe zu diesem Zweck über die Energiewirtschaft der Zukunft geschrieben. Diejenige Form der Energiewirtschaft, die uns wahrscheinlich als letzte Lösung übrigbleiben wird, nämlich die sogenannte „solar-hydrogeneconomy“ entwickelt von dem amerikanischen Energieforscher John Bockris von der University of Texas und dem deutschen Energie-Forscher Prof. Justi von der TH Braunschweig.
Über das was die moderne Literatur zum Frieden beitragen kann, habe ich mich dann ja in meinem vorhin erwähnten Essay von 1970 geäußert. Das Grundkonzept meiner Theorie könnte ich vielleicht so ausdrücken. Die moderne Literatur hat es versäumt, einen gewichtigen Beitrag zur Friedenserziehung zu leisten, indem es ihr im Grunde genommen immer nur darauf angekommen ist, die Faszination der Aggressivität, die Faszination des Kriminellen, des Bösen darzustellen, weil sie sich eben von dieser Faszination größere publizistische Erfolge und Effekte versprochen hat, als etwa von einer Literatur im Sinne eines Jean-Jacques Rousseau, der in seinem Buch „Emile oder über die Erziehung“ ein Beispiel für Friedenspädagogik gegeben hat, das neben den Schriften Pestalozzis einzigartig in der Weltliteratur dasteht.
Und ich meine an dieser Aufgabe sind unsere modernen Autoren vorüber gegangen, verständlicherweise, weil es natürlich viel schwieriger ist, soziale Verhaltensweisen, die dem Frieden unter den Mitmenschen, aber auch unter den Völkern dienen, so darzustellen, dass der Leser sie gewissermaßen wie einen Krimi lesen kann.
Die Darstellung dessen, was Plato in seiner Staatsphilosophie das Gute, das Ethisch-Normative genannt hat, das ist eben nach meiner Ansicht in der modernen Literatur zu kurz gekommen. Die Aufgabe des modernen Romanciers sollte eben gerade darin bestehen, Szenerien und menschliche Verhaltensformen zu beschreiben und zu entwickeln, die als Vorbilder für unser alltägliches soziales Verhalten, aber auch für unser friedenspolitisches Engagement dienen könnten

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